Bewertung der Abschlussarbeit: Design als zentraler Erfolgsfaktor bei Start-ups und deren Produkten

Titel: Design als zentraler Erfolgsfaktor bei Start-ups und deren Produkten

Universität: Karl-Franzens-Universität Graz

Betreuer:  Weiß, Gerold, Univ.-Prof. Mag. Dr.rer.soc.oec. MBA

Autorin: Alijana Bosnic, Bakk.rer.soc.oec. 

Datum: April 2013

Designebene Die Masterarbeit wurde zur Erlangung des akademischen Grades eines Master of Science  der Studienrichtung Betriebswirtschaft an der Universität Graz verfasst. Für die Laufschrift wurde die Times New Roman (12 Punkt) und für den Titel und Überschriften die Arial (12 und 16 Punkt) verwendet. Die Gestaltung ist schlicht und klar strukturiert. Sie hebt sich nicht durch eine besondere Gestaltung hervor. Diagramme und Statistiken helfen sich einen Überblick zu verschaffen.

Innovationsgrad Der Innovationsgrad ist gering. Themen wie Unternehmensgründung, Marketing und seine Instrumente, Designlehre, Produktentwicklung, Urheberrecht und Erfolgsfaktoren werden ausführlich behandelt. 

Die Unabhängigkeit Die Verfasserin hat die Arbeit selbstständig geschrieben, es bestand keine Kooperation mit Firmen. Lediglich der Betreuer Herr Weiß wird in der Danksagung erwähnt.

Gliederung und Struktur Das Thema wird im Inhaltsverzeichnis klar strukturiert und bearbeitet. Der Aufbau ist logisch und es lässt sich ein roter Faden durch die Arbeit erkennen. Eine inhaltliche Orientierung ist gut möglich. Im Anschluss an das Inhaltsverzeichnis ist das Abbildungsverzeichnis und Abkürzungsverzeichnis angeführt. Das Literaturverzeichnis befindet sich am Ende der Arbeit. Übersichtlicher ist es, wenn alle Verzeichnisse am Ende angeführt sind.

Grad der Kommunikation Durch Schwerpunktsetzung gelingt eine auf nachvollziehbare Weise sachlich sinnvolle Betrachtung des Themas. Die Verfasserin greift auf bereits vorhandenes Wissen zurück und setzt dieses Wissen in Fallbeispielen ein. Sie hat eine selbstständige Art der Argumentation gefunden und verweist dabei auf Forschungsliteratur die ihre Argument unterstützen.

Umfang der Arbeit Mit 82 Seiten ist der Umfang der Masterarbeit durchschnittlich groß. 

Orthographie und Genauigkeit Um objektive Aussagen zu treffen hat die Verfasserin oft Passivsätze eingesetzt. Die Sätze sind nicht durch unnötig eingeschobene Nebensätze oder gehäufte Attribute auseinander gerückt und somit gut verständlich.

Literatur Die Verfasserin verweist in der Literaturliste auf 21 Bücher (darunter befinden sich anerkannte Fachbücher) und 9 Internetquellen. Die Literatur ist mit einem Veröffentlichungsdatum von vor 6 bis 2 Jahren angemessen aktuell.

Quelle

https://unipub.uni-graz.at/download/pdf/231750

Mein Versuch

Ich habe mich in den letzen beiden Semestern mit folgenden Fragen beschäftigt:

Wie können Bildinhalte erfasst werden?
Was ist Bildkompetenz und welche Ebenen der Bildkompetenz gibt es?
Welche Grundlagen der Bildkommunikation gibt es und welche Vorteile bieten die Verwendung von Bild oder Text?
Was ist Visuelle Kompetenz und „Visual Literacy“?
Was ist eigentlich ein Bild?
Was ist die Multimodalität medialer Botschaften?
Welche psychologische Theorien des Bildverstehens gibt es?
Wie wird aus der Sicht der Gestalt- und Wahrnehmungspsychologie ein Bild betrachtet?
Welche Bedeutung hat die Informationstheorie für die Bildgestaltung?
Welche Rolle spielt die Emotion bei der Bildbetrachtung?

Nach der theoretischen Bearbeitung dieser Themen schnappte ich mir den Fotoapparat und versuchte Bilder mit eindeutigen Botschaften zu schaffen.

Hier sind nun meine Versuche:
Leise / Laut

Leise
Laut

Vertraut / Fremd

Vertraut
Fremd

Ruhig (Statisch) / Bewegt (Dynamisch)

Ruhig (Statisch)
Bewegt (Dynamisch)

Positiv / Negativ

Positiv
Negativ

Einfach / Komplex

Einfach
Komplex

Bilder:
Sonja Zechner

Die Emotionsthese

In den letzten beiden Beiträgen wurden zur Beurteilung von Bildern die Informationstheorie und die Gestalttheorie vorgestellt. Dieser Beitrag zeigt nun den Zugang mittels Emotionsthese. 

Ein Faktor der die Beurteilung von Bildern stark beeinflusst und in den beiden bereits vorgestellten Theorien nicht berücksichtigt wird, ist der emotionale Gehalt von Bildern. Dieser Wert ist zwar noch schwer messbar, aber nicht minder wichtig. In diese Kategorie der Bildbeurteilung fallen Bilder, die weder wegen ihrer hervorragenden Bildgestaltung noch wegen ihres Informationsgehaltes eine Ausstrahlung auf den Bildbetrachter ausüben, sondern ausschließlich das Gefühl des Betrachters ansprechen. Wie intensiv ein Gefühl beim Betrachten eines Bildes entsteht hängt von der Sensibilität des Betrachters ab. 

Im folgenden Bild wird der Verlauf der Betrachtung und Wahrnehmung eines Bildes dargestellt. Ausgehend von den drei Kategorien Informationstheorie, Gestalttheorie und Emotionsthese der Bildbeurteilung.

Die grafische Darstellung zeigt die Abhängigkeiten und Querverbindungen, die während dieses Vorganges wirksam werden können. (Weber 1990, S. 30)
Diese beiden Bildbeispiele sollen die Emotionsthese erläutern helfen. Das Bild von der Karibik löst ein schönes Gefühl aus, man möchte sofort dort hinfahren. Beim zweiten Bild ist beinahe der Schuss aus der Pistole zu hören und man glaubt den Mann im nächsten Moment in einer Blutlache liegend zu sehen. Diese Bild ruft ein beklemmendes Gefühl hervor. (Weber 1990, S. 31)

Keine einzelne Disziplin kann im Alleingang das komplexe Verhältnis von Bildern und Emotionen untersuchen. Kappas und Müller schlagen in ihrer Publikation „Bild und Emotion — ein neues Forschungsfeld“ (Kappas, Müller 2006) einen interdisziplinären Ansatz vor, der Emotionswissenschaft, Bildwissenschaft und Kommunikationswissenschaft verbindet. Für psychologische, bildwissenschaftliche und kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen werden als gemeinsamer Ansatzpunkt die visuellen ‚Bedeutungsstrukturen‘ thematisiert. Zwischen den beiden anderen Disziplinen bildet die Kommunikationswissenschaft eine verbindende Brücke.
Nachzulesen in: https://www.researchgate.net/publication/227336636_Bild_und_Emotion_-_ein_neues_Forschungsfeld

Quelle:
Weber 1990 Ernst A.Weber: Sehen, Gestalten und Fotografieren. Basen; Boston; Berlin: Birkhäuser, 1990
Kappas, Müller 2006 Kappas, Arvid & Müller, Marion. (2006). Bild und Emotion — ein neues Forschungsfeld. Publizistik. 51. 3-23. 10.1007/s11616-006-0002-x.In: https://www.researchgate.net/publication/227336636_Bild_und_Emotion_-_ein_neues_Forschungsfeld, (zuletzt aufgerufen am 26.6.21)

Bilder:
Weber 1990, Seite 30, 31

Informationstheorie

Die Gestaltpsychologie ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Erkenntnissen der Wissenschaften Ende des 19. Jahrhunderts aus. In den darauffolgenden Jahren gab es immer mehr Einwände gegen diese Erkenntnisse, da sie zu sehr an subjektive Empfindungen geknüpft und nur schwer messbar waren. Die amerikanischen Mathematiker R. A. Fisher, C. E. Shannon und N. Wiener versuchten diese Mängel mit Hilfe ihrer in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten Informationstheorie zu beheben. Die damalige Entwicklung von elektronischen Nachrichtenmedien und die Verbreitung von datenerfassenden und -verarbeitenden Rechenanlagen verlangte nach einer theoretischen Grundlage. In dieser Informationstheorie gibt es einen Sender der eine Nachricht in Wort und/oder Bild an einen Empfänger sendet. Die Nachrichten bestehen aus Zeichen die sowohl vom Sender als auch vom Empfänger gekannt und erkannt werden können. 
Wichtig ist dabei zu erkennen, dass sich der Gehalt, die Substanz einer Nachricht aus der Beziehung von Unvorhergesehenem – Neuen – zu bereits Bekanntem und Überflüssigem (der sogenannten Redundanz) ergibt.
Die optimale Nachricht besteht aus einem geringen Übergewicht an Neuem, das das Interesse und die Aufmerksamkeit weckt. 

An diesem Punkt überlappen sich die Gestalt- und die Informationstheorie. Die Verbindung zwischen beiden Lehren stellte der Psychologe und Soziologe Abraham Moles her. Er hat die Informationstheorie, die zunächst unter einem physikalisch-mathematischen Aspekt entwickelt und hauptsächlich auf materielle Systeme angewendet wurde, auf menschliche Empfindungen, sprich auf die Probleme der Wahrnehmung, angewendet. 

Der unvorhersehbare, schwer zu verstehende Teil einer Nachricht, der Originalitäts- oder Neuigkeitsgehalt, ist nach den Gestaltgesetzen mengenmäßig nicht zu erfassen. In der Informationstheorie ist dieser Gehalt allerdings in „bit“, der Maßeinheit für die kleinste Informationsmenge, meßbar. Ein Mensch hat eine Aufnahmekapazität von ungefähr 16 bit pro Sekunde. Es ist für die Gestaltung eines Bildes jedoch nicht notwendig einen Zahlenwert für seinen Neuigkeitsgehalt zu nennen. Wichtig ist nur zu erkennen, dass der Neuigkeitswert ein maßgeblicher Faktor in der Bildentwicklung ist.

Bedeutung der Gestalt- und Informationstheorie für die Bildgestaltung
Die Gestalttheorie lehrt uns, dass unser Wahrnehmungssystem stets bemüht ist, durch Ordnen und Zusammenfassen das Erkennen und Verstehen unserer Umwelt zu vereinfachen, damit wir uns leichter darin zurechtfinden.

Die Informationstheorie lehrt uns; gegensätzliche Bestandteile einer Information, wie Neues und Bekanntes, so aufeinander abzustimmen, dass sich sowohl eine verständliche als auch eine interessante Nachricht ergibt. Während die Gestalttheorie eine formalästhetische Beurteilung von Bildern ermöglicht, dient die Informationstheorie einer Beurteilung des Neuigkeitsgehaltes. Einen unbedingten Maßstab dafür gibt es jedoch nicht; denn was dem einen neu ist, mag dem anderen schon seit langem bekannt sein. Die Originalität hängt wesentlich vom Wissens- und Erfahrungsschatz des Betrachters ab. (Weber 1990)

Eine Bildnachricht kann kein absolutes Abbild der Wirklichkeit sein, denn zwischen Sender und Kanal – Objekt, Fotograf und Foto – besteht eine Wechselbeziehung, in der die Subjektivität des Fotografen, wie er die Dinge sieht, zum Ausdruck kommt. Dem Empfänger – Betrachter – bleibt es überlassen, wiederum subjektiv, das Maß an Übereinstimmung zwischen Realität und Abbildung auszuloten und das Bild zu bewerten.

Quelle:
Weber 1990 Ernst A.Weber: Sehen, Gestalten und Fotografieren. Basen; Boston; Berlin: Birkhäuser, 1990
Bilder:
Weber 1990, Seite 28

Die Figur-Grundbeziehung

Auge und Gehirn arbeiten nicht wie eine Kamera rein registrierend. Es werden Bilder weder für eine kurze Zeit noch auf Dauer als ein beständiges Bild aufgezeichnet. „Der Sehvorgang ist ein vielmehr konstruktiver Prozess, bei dem vollständige Muster wahrgenommen und mit bereits im Gehirn gespeicherten Mustern und Erfahrungen verglichen werden, um zu einer Erkenntnis und Bestimmung des Gesehenen zu gelangen.“ (Weber 1990, S.15) Der österreichische Physiker, Psychologe und Philosoph Ernst Mach hat mit seinem Buch „Die Analyse der Empfindung“ 1886 den Anstoß zur Begründung der Schule der Gestaltungspsychologie gegeben. Er erkannte, dass bei der Wahrnehmung von nicht zu komplizierten Gegenständen die Form als Ganzes über die weiteren Unterscheidungsmerkmale dominiert. 

Bei einem Baum werden nicht die einzelnen Blätter, Äste und der Stamm gesehen, sondern er wird als Ganzes wahrgenommen. Ebenso verhält es sich mit dem Dromedar.
(Weber 1990, S.15)

Um 1910 wurde in der Folge von den Psychologen Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka, den bedeutendsten Vertretern der Gestaltpsychologie, die Unterscheidung zwischen Figur und Grund als ein wesentliches Kriterium der Gestalttheorie formuliert.

Gestalt
Wenn sich ein Objekt durch Kontrast von seiner Umgebung abhebt, kann es wahrgenommen werden. Diese Unterscheidungsgrenze formt die äußere Gestalt des Objekts. Seine „Gestalt“ entsteht durch spontanes Ordnen und Gruppieren einzelner visueller Elemente zu einem Ganzen. „Die Gestalt bildet eine klar erkennbare Ganzheit, die gegliedert und geschlossen ist und sich von ihrer Umgebung deutlich hervorhebt. […] Das Ganze unterscheidet sich von der Summe seiner einzelnen visuellen Elemente.“ (Weber 1990, S.16)

Um den Übergang vom Kleinen zum großen Ganzen zu veranschaulichen wird hier die Venus von Milo als Beispiel gezeigt. Aus einzelnen Buchstaben wurde der Torso der Venus zusammengesetzt. Man kann entweder jeden einzelnen Buchstaben, jedes einzelne visuelle Element, oder die Gruppierung der Buchstaben zu einem Ganzen, die Gestalt, erkennen. (Rechenzentrum der Technischen Universität Berlin)

Die Figur-Grundbeziehung
Die wichtigste Einsicht in der Gestaltungstheorie liegt in der Unterscheidung zwischen Figur und Grund.

Wenn wir ein Bild betrachten wählen wir in der ersten 1/100 Sekunde unwillkürlich ein Objekt vor der übrigen Szene, dem Hintergrund, als Figur aus. Wir unterscheiden also in der ersten Wahrnehmungsphase zwischen der (uns wichtig erscheinenden) Figur und dem (uns unwichtig erscheinenden) Hintergrund.

Im Gegensatz zur freistehenden Kugel auf dem rechten Bild unterscheidet sie sich links kaum als Figur vom Grund. (Nach A. A. Moles aus „Kunst und Computer“)

5 Faktoren bestimmen die Unterscheidung zwischen Figur und Grund:
1. Die Figur muss sich vom Grund abheben.
2. Die kleinere Fläche wird meist als Figur, die größere eher als Grund gesehen.
3. Figur und Grund können nicht zugleich wahrgenommen werden.
4. Vor allem dicht beieinanderliegende, sich ähnelnde visuelle Elemente werden zu einer Figur zusammengefasst.
5. Symmetrie und geschlossene Formen werden bevorzugt als Figur wahrgenommen.

Quelle:
Weber 1990 Ernst A.Weber: Sehen, Gestalten und Fotografieren. Basel; Boston; Berlin: Birkhäuser 1990
Bilder:
Weber 1990, Seite 15, 16 

Bilder im Kopf

Psychologische Theorien des Bildverstehens
Wie Bilder verarbeitet, verstanden und mental repräsentiert werden, klären psychologische Theorien des Bildverstehens. Eine traditionelle Ansicht ist, dass externe Bilder in interne bildliche Vorstellungen übergehen und gespeichert werden. Bilder haben also eine memotechnische Funktion. Was sagt das über das Veständnis des Gesehenen aus?
Die exakte Wiedergabe eines Bildes hat nichts mit dem tatsächlichen Verstehen des Dargestellten zu tun. Bildliche Wahrnehmung und Vorstellung sind Grundvoraussetzungen des Bildverstehens, allerdings heißt das nicht, dass das Bild verstanden wird. Um es verstehen zu können gehört eine sprachliche Einbettung dazu. Fraglich ist, ob die aktuelle Psychologie über Methoden verfügt, um empirisch entscheiden zu können, ob die Korrespondenz zwischen externen und internen Bildern richtig oder falsch ist?

Bilder im Kopf
In der Imagery-Debatte wurde diskutiert, ob überhaupt von der metaphorischen Redeweise von „Bildern im Kopf oder Geiste“ geredet werden kann.

Imagery-Debatte: Eine noch immer präsente Streitfrage ist, ob Menschen bildhaft denken. Die beiden amerikanischen Psychologen Zenon Pylyshyn und Stephen M. Kosslyn sind die prominentesten Wissenschaftler, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben und unterschiedliche Standpunkte einnehmen. Gewiss ist, dass Menschen ihre Vorstellungen als bildhaft erleben. Allerdings ist fraglich „ob es mentale Repräsentationen geben könne, die in einem klar definierbaren Sinne bildhaft sind und wirklich für diejenigen Problemlösungen benötigt werden, die subjektiv als bildliches Denken erlebt werden.“ ( Oestermeier 2008) 

Im Rahmen kognitionswissenschaftlicher und philosophischer Debatten haben sich in der Diskussion um gedankliche Visualisierungen zwei Fronten gebildet:
Deskriptionalisten wie Pylyshyn behaupten, dass unsere Kongnition auf einem sprachähnlichen oder symbolischen Repräsentationsformat basiert. Ähnlich der Verarbeitung kognitiver Vorgänge eines Computers in symbolhafter Form. „Das Bildartige unserer Vorstellung hat laut Pylyshyns Ansatz nichts zu tun mit den dieser Vorstellung zugrunde liegenden mentalen Repräsentationen bzw. Prozessen. Er erklärt: „…reasoning with mental imagery or reasoning by visualizing or ‘visual thinking’ requires a combinatorial system – a Language of Thought – that itself is not in any sense ‘pictorial’…” (Pylyshyn 2006, v).“ (Gotthard 2018) 
Piktoralisten wie Kosslyn gehen davon aus, dass bildhafte Vorstellungen sich auf andere, von sprachähnlichen oder propositionalen Repräsentationen unterschiedliche Prozesse oder Formate zurückführen lassen. Kosslyn vertritt die Auffassung, dass Menschen über einen visuellen Puffer bzw. Kurzzeitspeicher verfügen, der mit Vorstellungsbildern gefüllt wird und abgerufen werden kann. Dieser Puffer ist also bildhaft organisiert und wird sowohl vom Wahrnehmungs- als auch vom Vorstellungsvermögen benutzt. Dies konnte durch Messung des Stoffwechselumsatzes im Cortex nachgewiesen werden, denn bei Gehirnverletzungen im visuellen Cortex sind bildliche Wahrnehmungen und Vorstellungen oft gleichermaßen beeinträchtigt. Es gibt also tatsächlich ikonische Repräsentationen im Gehirn und damit in einem nicht-metaphorischen Sinne Bilder im Kopf.

Quellen:
Oestermeier 2008 Uwe Oestermeier: Lernen mit Bild und Text. In: https://www.e-teaching.org/didaktik/gestaltung/visualisierung/textbild/Lernen_mit_Text_und_Bild.pdf, (zuletzt aufgerufen am 23.5.21)
Gotthard 2018 Klaus Gotthard: Die Imagery Debatte. Wie sind Vorstellungsbilder im menschlichen Gehirn repräsentiert? In: https://www.grin.com/document/471597, (zuletzt aufgerufen am 23.5.21)
Bild:
Der Regresseinwand als ‚kartesisches Theater‘ nach Dennett (1969/1998).
[Quelle: Dennett (1969/1998: 102)], In: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-19993-7_3, (zuletzt aufgerufen am 23.5.21)

Multimodalität medialer Botschaften

Katharina Lobinger erklärt in Kapitel 5 des Buches “Visuelle Kommunikationsforschung. Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft” (Lobinger 2012) den Zusammenhang von Bild und Text in multimodalen Medienbotschaften. Interessant sind hier vor allem die jeweiligen modalitätsspezifschen Leistungen von bildlicher und verbaler Kommunikation. Im Wahrnehmungs- und kognitiven Verarbeitungsprozess spielt die Rezeptions-, Verarbeitungs- und Wirkungsweisen von Bildern ein Rolle. Bilder haben ein Emotionalisierungspotenzial und eine Bildüberlegenheitswirkung. Zentrales Argument Lobingers ist, dass die Visuelle Kommunikationsforschung alle beteiligten Modi einer Botschaft berücksichtigen muss, um aussagekräftige Befunde im Hinblick auf Medieninhalte und deren Wirkung machen zu können.

Zur Multimodalität medialer Botschaften
Mitchell sagt „There are no visual media“ und beschäftigt sich mit der großen Herausforderung, der sich die Visuelle Kommunikationsforschung stellen muss, nämlich der Analyse multimedialer Medientexte. Bei der Visuellen Kommunikationsforschung reicht es nicht aus sich nur mit Medienbildern zu beschäftigen, das alleine würde zu kurz greifen. Bilder treten immer in Verbindung mit anderen Kommunikationselementen auf. Obwohl Medienbotschaften immer mehr aus visuellen Elementen bestehen sind sie doch immer mit anderen Zeichensystemen verknüpft. Somit werden mehrere Wahrnehmungssysteme angesprochen. Durch die Digitalisierung ist die Kombination von verschiedenen semiotischen Kommunikationsmodi wie z. B. Text, Bild oder Klang leicht umzusetzen und bilden dann die so genannten multimodalen Texte.

Hier ist der Unterschied zwischen multicodalen und multimodalen Botschaften zu treffen: 
Multicodale Botschaften sind mediale Angebote, die mehrere Symbolsysteme wie z. B. Bild und geschriebenen Text beinhalten. Multimodale Botschaften sind Angebote, die mehrere Sinnesmodalitäten wie z. B. Sehen und Hören ansprechen.

Für die Analyse multimodaler Botschaften kann keine Trennung zwischen den Elementen vorgenommen werden, da sie sich gegenseitig beeinflussen und miteinander vernetzt sind. Damit ist die Bild-Text-Beziehung nicht nur die Interaktion der Einzelteile, sondern ein komplexes Gesamtkonstrukt. Daher ist es für die Forschung notwendig den multimodalen Aspekt zu beachten. Denn Bilder können nur umfassend untersuchte werden, wenn der textliche Kontext und die damit verbundenen Rezeptionsvorgänge berücksichtigt werden. Im Moment besteht noch ein Entwicklungsbedarf hinsichtlich der Analyseinstrumente, welche den Zusammenhang zwischen Bild und Text erfassen können. Dies gilt vor allem für Online-Inhalte, in denen Text und Ton mit Stand- und Bewegtbild zusammenfließen. 

Lobinger 2012 Katharina Lobinger: Es gibt keine visuellen Medien! Zur Multimodalität medialer Botschaften In: A. Hepp, F. Krotz, W. Vogelgesang (Hrsg.): Visuelle Kommunikationsforschung. Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 71-94

Fortsetzung: Was ist ein Bild?

Doelkers Bildbegriff
Das Verständnis der Bildlichkeit wird laut Mitchell durch zeitliche, kulturelle, soziale und individuelle Wahrnehmungen, aber auch durch unserer Vorerfahrungen geprägt. Den Bildbegriff in der visuellen Kommunikationsforschung präzisiert der Medienpädagoge Christian Doelker mit seinen Überlegungen. Auch bei seiner theoretischen Betrachtung ist die Übertragbarkeit in eine materielle Form ein wesentliches Definitionskriterium für den Bildbegriff. Doelker führt die Überlegungen Mitchells jedoch weiter aus und unterscheidet in seinem komplexen Bildmodell zwischen Wahrnehmungsinhalt, Original bzw. Unikat und Kommunikat. 

Der Zusammenhang von Wahrnehmungsinhalt,  Original/Unikat und Kommunikat: Doelkers Bildbegriff

Der Ausdruck „Kommunikat“ weist auf die kommunikative Funktion von Bildern in Doelkers Modell als ein technisch reproduzierbares und vervielfältigbares Bild hin. Das Perzept bezeichnet das innere Bild einer Person. Dieses Bild kann zum Beispiel der Ausblick aus einem Fenster, das Betrachten eines Objekts oder eine Idee eines geistigen Bildes sein. Diese Art von Bild existiert in der Vorstellung der einzelnen Person und ist nicht-materiell und somit auch nicht übertragbar. Um diesen Inhalt anderen Personen zugänglich zu machen muss diese Vorstellung in eine materielle Form umgewandelt werden. Laut Doelker gibt es drei Möglichkeiten den Perzept festzuhalten. Entweder als Abbild (Punkt A), als Übernahme (Punkt Ü) oder als Eigengestaltung (Punkt E). Diese Möglichkeiten sind im Bildmodell in der Ebene „Original/Unikat“ dargestellt. Das Abbild A kann direkt auf ein Trägermaterial übertragen werden. Für dieses Modell spielt es keine Rolle, wie diese Übertragung erfolgt, zum Beispiel durch Zeichnen, Malen, Gestalten, Fotografieren oder Filmen. Als Übernahme Ü werden zum Beispiel Ausschnitte aus der Natur manifestiert, die nicht abgebildet, sondern fixiert werden. Diese Art der Manifestierung von Wahrnehmungsinhalten ist für die Kommunikations- und Medienwissenschaften im Wesentlichen vernachlässigbar. Die letzte Möglichkeit, einen Perzept festzuhalten, ist die Eigengestaltung E. Wenn ein inneres Bild, auch ohne Bezug zur Wirklichkeit, manifestiert wird, tritt die Eigengestaltung auf. Zwischen den drei Möglichkeiten der Manifestierung gibt es viele Übergänge und Mischformen. Die Ebene „„Original/Unikat“ ist in der Ansicht Doelkers bereits bildhaft, das heißt, sobald ein Wahrnehmungsinhalt in ein manifeste Form überführt wurde, kann der Begriff Bild verwendet werden. Um im engeren Sinn den Bildbegriff verwenden zu können sind zwei Kriterien für die Kommunikations- und Medienwissenschaft von Interesse: Die Übertragbarkeit von Bildern und seine Kommunizierbarkeit. Das Kommunikat ist eine Reproduktion, also die technische Wiedergabe und Vervielfältigung des Originals mit der Möglichkeit, das Bild an ein breiteres Publikum zu kommunizieren.

Zusammenfassend besagt Doelkers Bildmodell, dass ein Bild entweder als Original oder Kommunikat auftreten kann. Perzepte dagegen werden nicht als Bilder definiert, da sie nicht materiell vorliegen. Diese werden erst zum Bild wenn sie einen materiell übertragbaren Charakter annehmen. Da Doelker wichtige immaterielle Bildphänomene nicht als Bilder betrachtet ist diese Form des Bildbegriffes als Grundlage für eine allgemeine Bildwissenschaft nicht einsetzbar. Für die Kommunikations- und Medienwissenschaft gibt er aber äußerst wichtige Impulse, indem er den Fokus bei der Definition von Bildern auf deren Übertragbarkeit legt. (Lobinger)

Quelle:
Lobinger Katharina Lobinger: Was ist ein Bild? Was ist ein Medienbild? In: A. Hepp, F. Krotz, W. Vogelgesang (Hrsg.): Visuelle Kommunikationsforschung. Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 51-70

Was ist ein Bild?

Bilder sind ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Ausdrucksform. Doch was macht ein Bild zu einem Bild?

Dieser scheinbar simplen Frage ging der Bildtheoretiker W.J.T. Mitchell 1986 nach. Laut Mitchell ist unser Verständnis der Bildlichkeit durch zeitliche, kulturelle, soziale und individuelle Wahrnehmungen, aber auch durch unserer Vorerfahrungen geprägt.

Bild von Tracy Lundgren auf Pixabay

Am Beispiel eines Apfel ist diese Beobachtung gut zu erklären: Betrachten drei Menschen das Bild eines Apfels, so sieht Person A darin das Apple Logo, Person B denkt an den Sündenfall und Person C einfach nur an die visuelle Repräsentation eines Apfels. Aby Warburg hat schon auf diese Verbindung zwischen materiellem Abbild und immateriellem Denkbild hingewiesen. Grundsätzlich müsste aber zuerst einmal die Frage gestellt werden, was genau mit dem Wort Bild gemeint ist.

Mitchell unterscheidet fünf Kategorien von Bildern und erklärt die Einteilung der Bilder anhand eines Stammbaumes.

Man stelle sich Bilder als eine weit verzweigte Familie vor, die sich mit der Zeit zeitlich und räumlich auseinander gelebt hat und in diesem Prozess grundlegende Veränderungen durchgemacht hat. Jeder Zweig dieses Stammbaumes repräsentiert einen Typ von Bildlichkeit, der von einer bestimmten Disziplin betrachtet wird. Geistige Bilder fallen beispielsweise in den Zuständigkeitsbereich der Psychologie, optische Bilder werden in der Physik untersucht, grafische Bilder in der Kunstgeschichte, sprachliche Bilder in der Literaturwissenschaft und perzeptuelle Bilder gehören einem Grenzgebiet mehrerer Disziplinen an. Die Darstellung (siehe Abbildung) zeigt wie schwierig es ist den Begriff Bild eindeutige zu erklären. Bei der Beschäftigung einzelner Disziplinen mit ihren jeweiligen Bildern ist es daher nicht sinnvoll einen gemeinsamen, übergeordneten Bildbegriff anzuwenden. Für ein allgemeines Verständnis des Phänomens „Bildlichkeit“ ist eine grundlegende gemeinsame Definition sowie eine theoretische Fundierung essentiell. Beschäftigt man sich aber mit einem gewissen Typus von Bild und mit seinen individuellen, konkreten Fragestellungen ist die grundlegende Definition nicht differenziert genug. 

Zur Gruppe der materiellen Bilder zählen:

Zur zweiten Gruppe zählen die immateriellen Bilder.

Während grafische und optische Bilder eindeutig zur Visuellen Kommunikationsforschung zählen, ist es fraglich, wie nun die nicht greifbaren Bildkategorien eingereiht werden können. Hier befindet sich die visuelle Kommunikation in einem Dilemma, denn werden diese immateriellen Bilder integriert, stellst sich die Frage, was nun die richtige begriffliche Beschreibung ist.

Quelle:
Lobinger Katharina Lobinger: Was ist ein Bild? Was ist ein Medienbild? In: A. Hepp, F. Krotz, W. Vogelgesang (Hrsg.): Visuelle Kommunikationsforschung. Medienbilder als Herausforderung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 47-70

Müller, Geise Marion G. Müller, Stephanie Geise: Grundlagen der visuellen Kommunikation. München: UVK 2015, S. 19-28

Visuelle Kompetenz und „Visual Literacy“

Definition von „Visual Literacy“
Darunter ist die „visuelle Kompetenz“ oder „visuelle Lesefähigkeit“ zu verstehen. In der modernen Kommunikation wird die bisher dominierende Sprache immer mehr durch alle Arten von visuellen Medien wie Foto, Fernsehen, Film, Video etc. ersetzt. Bilder zählen heute zu den entscheidenden kommunikativen Elementen. Daher ist die Auseinandersetzung mit Bildern und der Erwerb von „Visual Literacy“ notwendig. Der Begriff „Literacy“ wurde lange Zeit nur für die Fähigkeit Lesen und Schreiben zu können verwendet. Er besitzt heute aber eine umfassendere Bedeutung, die nicht mehr nur das Verständnis für Sprache und Schrift umfasst. „Das Konzept „Visual Literacy“ kann prinzipiell sehr schwer begrifflich bestimmt werden, weil es im Vergleich zu „Text Literacy“ weniger klar bestimmbar ist. Während „Text Literacy“ als „sequentiell“ und „diskursiv“ charakterisiert wird, wird „Visual Literacy“ als „simultan“ und „darstellend“ gekennzeichnet…“ (o.V.)

Mit den drei theoretischen Konstruktionen „Visual Thinking“, „- Learning“ und „- Communication“ lässt sich laut Bikkar S. Randhawa (1978) der Begriff „Visual Literacy“ konkret definieren.  „Visual Literacy ist die Fähigkeit, Bilder zu verstehen und zu verwenden, einschließlich der Fähigkeit, sich in bildhaften Begriffen auszudrücken, bildlich zu denken und mit Bildern zu lernen…“ (o.V.)

Abbildung 1: Directionality of „Visual Literacy” Components (o.V.)
Der interne Charakter spiegelt sich in „Visual Thinking“, der externe Charakter in „Visual Communication“ und die Vereinigung beider Charaktere in „Visual Learning“ wieder.

Definition der Visuellen Kompetenz
Der Begriff „Literacy“ ist sprachgebunden und nur begrenzt auf die Visuelle Kompetenz anwendbar. Im Unterschied zum Ansatz der „Visual Literacy“ geht es in der Visuellen Kompetenz um den empirisch-prozesshaften Zugang zum Verständnis der visuellen Kommunikation. Die Frage stellt sich, wie wird Visuelle Kompetenz von Individuen, Gruppen und Gesellschaften erworben, vermittelt und rezipiert? (Müller, Geise)

Visuelle Kompetenz wird in vier spezifische, mit dem Bild verbundenen Kompetenzen vereint:
1) visuelle Produktionskompetenz
2) visuelle Wahrnehmungskompetenz
3) visuelle Interpretationskompetenz
4) visuelle Rezeptionskompetenz

Alle vier Kompetenzen sind in ständiger Interaktion und können als „Visueller Kompetenz Kreislauf“ dargestellt werden (Müller, Geise).

Abbildung 2: Der Visueller Kompetenz Kreislauf (Hug, Kriwak)

Mit dieser idealtypische Unterteilung ist es möglich die verschiedenen Komponenten des visuellen Kommunikationsprozesses darzustellen. Der Kreislauf berücksichtigt die Wahrnehmung von Bildern (Perzeption), die Bedeutungszuweisung (Interpretation) über die bildliche Verarbeitung und kognitive-emotionale Aufnahme und Verarbeitung der bildlichen Eindrücke (Rezeption) bis hin zur Herstellung neuer Bilder oder Bildkommentare (Produktion). In diesem Kreislauf gibt es keinen konkreten Anfang aber auch kein Ende, bei der Kommunikation handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess. Der Prozess wird von drei Kontextebenen
1) individuell-persönlichem Kontext
2) situativem Kontext
3) systemischem Kontext
beeinflusst. (vgl. Müller, Geise). 

Quelle:
Hug, Kriwak Hug Theo: Visuelle Kompetenz, Medienkompetenz und „New Literacies“ – Konzeptionelle Überlegungen in einer pluralen Diskurslandschaft. In: Hug Theo, Kiwak Andreas (Hrsg.): Visuelle Kompetenz. Beiträge des interfakultären Forums Innsbruck Media Studies. In: https://www.uibk.ac.at/iup/buch_pdfs/9783902719850.pdf (zuletzt aufgerufen am 1.2.21)
Müller, Geise Marion G. Müller, Stephanie Geise: Grundlagen der visuellen Kommunikation. München: UVK 2015
o.V. ohne Verfasser: Visual Literacy. In: http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/2003/fu-berlin/2000/137/Kap1.pdf.pdf (zuletzt aufgerufen am 1.2.21)