Die Verwendung verschiedener Tonkonventionen in Traumsequenzen

Die optische Darstellung von veränderten Bewusstseinszuständen wurden schon in dem Blogpost „Die Ästhetik der Darstellung induzierter Bewusstseinsveränderungen im Film“ behandelt und auch auf das Thema Traumsequenzen wurde im Post „Die Verwendung von Traumsequenzen in narrativen Filmen“ schon eingegangen. Dieser Blogpost beschäftigt sich ebenfalls mit diesen Themen, beleuchtet jedoch nicht das Thema Bewegtbild sondern Sound.

Begleitmusik, Sound und Soundeffekte spielen schon seit den Anfängen der Filmgeschichte eine große Rolle. Schon als es nur Stummfilme gab wurden diese im Kino mit Musik begleitet. Der Film sowie der Stummfilm sind nämlich beides keine rein visuellen Phänomene. Filmmusik untermalt und verstärkt nicht nur die visuellen Reize von Filmen, sie schottet den Zuseher auch von seiner Umwelt ab und zieht ihn in die Handlung hinein. René Clair spricht bei diesem Phänomen auch von einer betäubenden Wirkung.[1] Gerade in Traumsequenzen kann der Sound ein kontroverses Thema sein. Um eine Abgrenzung zwischen Traumsequenz und Realitätseindruck zu schaffen gibt es zwei Herangehensweisen.[2]

  • Die erste beruht auf dem Hinzufügen von Klang und Klangobjekten. Dies kann einen Irritationsmoment auslösen und so den Traum als solchen kennzeichnen oder auch nur sehr subtil verwendet werden.
  • Die zweite nutzt genau das Gegenteil. Der Realitätseindruck wird durch eine Ausdünnung akustischer Reize abgeschwächt. Auch diese Möglichkeit kann von einer sehr subtilen Reduktion von Geräuschen bis hin zu Stille reichen.

Basierend auf diesen beiden Methoden können verschiedenste Gestaltungsmethoden und Tonkonventionen eingesetzt werden, die im Folgenden näher erklärt werden.

  1. Ausblendung von Umgebungsgeräuschen

Vor allem in urbanen Umgebungen kann fast von einer Reizüberflutung akustischer Reize gesprochen werden. Menschen sind permanent ihrer akustischen Umwelt ausgesetzt, was die Absenz von Geräuschen hervorstechen lässt und einen Kontrast zu den üblichen Umgebungsklängen darstellen kann. In Traumsequenzen können Geräusche langsam abklingen oder auch direkt in eine abrupte Stille übergehen.

  1. Stille

Wie auch das Ausblenden und die Reduktion von Umgebungsgeräuschen, stellt Stille einen starken Kontrast zur gewohnten Umgebung dar. Interessant an diesem Stilmittel ist, dass sich die Bilder durch das Fehlen der Audiospur nicht verändern. Meist ist der Ursprung der Geräusche, die zuvor gehört wurden, in der Traumsequenz aber nicht vorhanden sind, trotzdem weiterhin zu sehen.

  1. Fokus auf einzelne Geräusche

Nicht nur der Fokus auf die Stille, sondern auch der Fokus auf ein bestimmtes Element der Tonspur sticht aus üblichen Umgebungsgeräuschen hervor. Teile der Tonspur verstummen und rücken andere, zu diesem Zeitpunkt relevantere, in den Vordergrund. Flückinger spricht bei diesem Phänomen auch von einer antinaturalistischen Selektion.[3] Stille sowie die Konzentration auf ein bestimmtes Geräusch oder einen bestimmten Aspekt der Tonspur geht oft mit einem Blick nach Innen einher und richtet die Aufmerksamkeit eines Charakters oder auch der Zuseher auf sich. Beispiele dafür sind das Ausblenden aller Geräusche, ausgenommen dem Atem oder dem Herzschlag. Auch innere Monologe zählen zu diesem Phänomen. Meist wird der Fokus auf die Klänge gerichtet, die eine dramaturgisch wichtige Funktion einnehmen oder von großer Bedeutung für den betroffenen Charakter sind. Auch übertriebenes Lautstärkeempfinden ist abhängig von der Person und ihrer Wahrnehmung. Diese Stilmittel gehen oft mit visuellen Methoden wie einer Schärfeverlagerung, der Lichtsetzung oder Änderung der Einstellungsgröße einher.[4]

  1. Hall

Zu den häufig verwendetet klanglichen Traummarkierungen gehört auch der Hall. Besonders wenn vor dem Einsetzen dieses Stilmittels Stille geschaffen wird, weist Hall eine sehr besondere Klagcharakteristik auf. Um Hall noch zu verstärken wird oft auf visuelle Stilmittel, wie Doppelbelichtung oder verschwommene Bewegungen zurückgegriffen, was zu einer Verdichtung von auditiven Informationen führt.[5]

  1. Dröhnen und Grollen

Diese klanglichen Auswüchse von Naturphänomenen kommen vor allem bei der Darstellung von Albträumen zum Einsatz, da sie einen bedrohlichen Eindruck machen und sich so direkt auf die Spannung einer Szene auswirken. Der Zuschauer empfindet dadurch die gleiche Angst und Aufregung, wie auch der Protagonist der Szene.

  1. Veränderung des Frequenzbereichs

Ein weiteres Stilmittel zur Abgrenzung eines Traums von der Realität ist die Verlagerung der akustischen Reize in tiefe Frequenzbereiche. Die dadurch gekennzeichnete Wahrnehmungsveränderung wird dadurch erreicht, dass die Klänge in höheren Frequenzbereichen, die für die Präsenz eines Klanges verantwortlich sind, herausgefiltert werden.

  1. Ton-Bild-Inkongruenz

Einige der bereits genannten Tonkonventionen können auch unter dem Begriff Ton-Bild-Inkongruenz zusammengefasst werden. Das Aufheben der Synchronität zwischen Bild- und Tonspur schafft es, dem Ton eine zusätzliche Funktion zu geben. Der Ton kann dadurch etwas suggerieren, das im Bild nicht wahrzunehmen ist. Auch ein Zeitunterschied oder eine zeitliche Verschiebung von Bild und Ton kann hierbei zum Einsatz kommen und fällt unter Ton-Bild-Inkongruenz.[6]

  1. Externe Reize als Zusatz

Die letzte Tonkonvention, die in Traumsequenzen häufig verwendet wird, auf die näher eingegangen werden soll, ist der Zusatz von externen Reizen aus der Wachwelt. Wie auch in realen Träumen, können Geräusche aus der realen Welt in Träume integriert werden und andere Funktionen einnehmen. Erst das mehrfache Wiederholen eines Geräusches schafft es eine Verbindung zwischen dem Traum und der realen Welt zu schaffen und den Charakter der Traumsequenz aufzuwecken.

So unterschiedlich die visuellen Stilmittel und Abgrenzungsmerkmale von veränderten Bewusstseinszuständen, wie zum Beispiel Träumen sein können, so unterschiedlich sind auch die auditiven Tonkonventionen. Wichtig ist nur der Kontrast zwischen realer Welt und Traumsequenz. Auf welche Art sich diese Beiden unterscheiden und wie die Grenze gezogen wird ist von Film zu Film unterschiedlich.


[1] Brütsch, Matthias: Traumbühne Kino. Der Traum als filmtheoretische Metapher und narratives Motiv, Schürer 2010, S. 36f

[2] Nguyen, Michael: Veränderte Bewusstseinszustände. Subjektivierung und Traumdarstellung im Filmton, ungedruckte Bachelorarbeit, Fachhochschule Dortmund 2017, S. 83

[3] Flückinger, Barbara: Sound Design. Die virtuelle Klangwelt des Films, Schürer 2012, S. 407ff

[4] Nguyen, Michael: Veränderte Bewusstseinszustände. Subjektivierung und Traumdarstellung im Filmton, ungedruckte Bachelorarbeit, Fachhochschule Dortmund 2017, S.89ff

[5] Nguyen, Michael: Veränderte Bewusstseinszustände. Subjektivierung und Traumdarstellung im Filmton, ungedruckte Bachelorarbeit, Fachhochschule Dortmund 2017, S.94

[6] Nguyen, Michael: Veränderte Bewusstseinszustände. Subjektivierung und Traumdarstellung im Filmton, ungedruckte Bachelorarbeit, Fachhochschule Dortmund 2017, S.104f