{"id":398,"date":"2020-11-24T09:42:32","date_gmt":"2020-11-24T09:42:32","guid":{"rendered":"http:\/\/desres20.netornot.at\/?p=398"},"modified":"2020-11-24T09:42:32","modified_gmt":"2020-11-24T09:42:32","slug":"die-psychoanalytische-filmtheorie-von-rauschzustanden-im-film","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/desres20.netornot.at\/?p=398","title":{"rendered":"Die psychoanalytische Filmtheorie von Rauschzust\u00e4nden im Film"},"content":{"rendered":"\n<p>Rauschzust\u00e4nde im Film sind nicht allein auf Drogen und Alkohol zur\u00fcckzuf\u00fchren. Auch die Traumdarstellung oder induzierte Wahrnehmungsver\u00e4nderungen durch Meditation zum Beispiel kann als Rauschzustand aufgefasst werden. Einen Zusammenhang zum Film bzw. die Legitimit\u00e4t Tr\u00e4ume und Rauschzust\u00e4nde als Bewegtbild festzuhalten, ist insofern gerechtfertigt, da sowohl der Traum als auch Halluzinationen, egal ob durch Drogen induziert oder nicht, sich einer visuellen Sprache, also Bild und Ton, bedienen. Auch wenn Freud anderer Meinung war, diese Wahrnehmungsver\u00e4nderungen f\u00fcr ihn keine audiovisuellen Ph\u00e4nomene waren, sondern nur durch Worte beschrieben werden konnten, tat er sich schwer Tr\u00e4ume in Worte zu fassen. Au\u00dferdem wird in der Filmtheorie schon lange davon gesprochen, dass es sich bei Filmen prinzipiell um Traumdarstellungen handelt. Regisseure wie Fritz Lang bezeichnen den Regisseur deshalb auch als Psychoanalytiker. Sowohl die Psychoanalyse, das Erforschen fremder Psychen als auch die Psychonautik, das Erforschen der eigenen Psyche k\u00f6nnen dabei eine Rolle spielen.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Kruse und Wulff schreiben in ihrer Publikation \u201ePsychonauten im Kino: Rausch und Rauschdarstellung im Film\u201c: <strong>\u201eDer Gebrauch von Drogen im Selbstversuch zur Erforschung der Psyche und des Unterbewusstseins \u2013 des eignen , aber auch des fremden \u2013 spannt die Br\u00fccke zwischen Psychonautentum und Psychoanalyse [\u2026]\u201c<a href=\"#_ftn2\"><sup>[<\/sup><\/a><\/strong><a href=\"#_ftn2\"><sup>2]<\/sup><\/a>. Rausch steht aber laut Freud auch in einer engen Beziehung zum Traum, da sich beides unter anderem durch eine Ver\u00e4nderung oder Beeintr\u00e4chtigung der Wahrnehmung \u00e4u\u00dfern und es somit zu Halluzinationen kommen kann. Hierbei wird zwischen dem Drogenrausch, einem offenen System und dem Traumzustand, einem geschlossenen System differenziert. Diese zwei Systeme unterscheiden sich in der Hinsicht, dass man in einem offenen System in Einbeziehung seiner halluzinatorischen Sinneseindr\u00fccke frei handeln kann, w\u00e4hrend man in einem geschlossenen System von seinem Traum-Ich getrennt ist und diese Halluzinationen, wie Freud seine Tr\u00e4ume nennt, eher von au\u00dfen wahrnimmt. Wie luzide Tr\u00e4ume zu behandeln sind, wird in den Artikeln von Kruse und Wulff nicht weiter behandelt. Da der Drogenrausch aber zwischen der Traumwelt und der realen Welt liegt, ist anzunehmen, dass luzide Tr\u00e4ume ebenfalls weder zu dem einen, noch zu dem anderen gez\u00e4hlt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der erschwerten Kategorisierung verschiedener Ph\u00e4nomene handelt es sich bei dem Widerspruch, dass Rauscherlebnisse sehr subjektive Erfahrungen sind, Filme aber allen zug\u00e4nglich sind, um eine weitere Problematik, wenn es darum geht audiovisuelle Ph\u00e4nomene wie Tr\u00e4ume, Rauschzust\u00e4nde und Halluzinationen durch das Medium Film darzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p><a>Zu den Gr\u00fcnden diese Zust\u00e4nde jedoch trotzdem zu thematisieren z\u00e4hlen die Veranschaulichung solcher Situation sowie das Wecken von Empathie. Oft wollte man den Menschen damit auch zeigen, wie es sich anf\u00fchlen k\u00f6nnte, selbst einen Zustand der Wahrnehmungsver\u00e4nderung zu erreichen. Ariane Beyn schrieb, dass es sogar m\u00f6glich w\u00e4re, dass psychedelische Filme \u201eeuphorische Stimmung direkt im Kinosaal\u201c erzeugen k\u00f6nnen.<\/a><a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Filme sind als Medium dazu da um Zuschauer emotional zu ber\u00fchren und eine Identifikation mit den Charakteren zu erm\u00f6glichen. Um das zu erreichen ist es wichtig, sowohl die Sichtweise des Charakters, der sich in einem Rauschzustand befindet, als auch die Sichtweise eines Au\u00dfenstehenden zu beleuchten. Empathie ist eine weitere Voraussetzung um eine Identifikation mit dem Charakter sicherstellen zu k\u00f6nnen. Laut Wulff ist \u201eEmpathie [\u2026] eine der zentralen Formen des Versetzens in die Wahrnehmungsperspektiven dargestellter Figuren\u201c<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>. Um eine solche Empathisierung zu erreichen gibt es zwei M\u00f6glichkeiten. Wulff unterscheidet zwischen der ausdrucksvermittelten Empathie und der situationsvermittelten Empathie. Die ausdrucksvermittelte Empathie ist das Deuten des Ausdrucks von Emotionen einer anderen Person und der Identifizierung mit diesen Emotionen \u2013 man f\u00fchlt mit dem Charakter mit. Die situationsvermittelte Empathie hingegen ist das Wahrnehmen der Situation, in der sich jemand befindet \u2013 man kann sich in seine Lage versetzen. Beide dieser Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten bilden die Grundlage f\u00fcr emphatisches Erleben und Mitf\u00fchlen. \u201eEmpathie ist als kognitive F\u00e4higkeit anzusehen, die sich aus dem Wissen und dem Verstehen des Gef\u00fchls eines Anderen ergibt.\u201c<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Um Rauschsituationen korrekt darstellen zu k\u00f6nnen, werden beide, also sowohl die Innen- als auch die Au\u00dfenwahrnehmung einer Figur thematisiert. Der Grad an Empathie, der f\u00fcr einen Charakter dann empfunden wird ist sehr individuell und h\u00e4ngt von Faktoren wie Empathiebereitschaft, Erfahrungen oder der momentanen Stimmung ab. Diese visuelle Ausformulierung der Wahrnehmung, von Halluzinationen oder Rauschzust\u00e4nden Anderer, kann dazu genutzt werden, Zusehern die M\u00f6glichkeit zu geben, sich in den Charakter hineinversetzen zu k\u00f6nnen und dann selbst emotional darauf zu reagieren. Somit erreicht das Medium Film genau das was es sollte, es ruft eine emotionale Reaktion der Zuschauer hervor und vermittelt neue Perspektiven.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Kruse, Patrick\/ Wulff, Hans J.: Psychonauten im Kino: Rausch und Rauschdarstellung im Film. In: Kino im Kopf. Psychologie und Film seit Sigmund Freud. Berlin: Bertz + Fischer 2006, S.108<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Ebda. S.107<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Beyn, Ariane: Psych-Out. In: Starship, 5. S. 77ff<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Wulff, Hans J.: Empathie als Dimension des Filmverstehens. Ein Thesenpapier. In: Montage 12,1,2003 S.136ff<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Sok-Rok Song: Empathie und Gewalt. Studie zur Bedeutung von Empathief\u00e4higkeit f\u00fcr gewaltpr\u00e4vention. Berlin: Logos 2001, S. 106f<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Kruse, Patrick\/ Wulff, Hans J.: Psychonauten im Kino: Rausch und Rauschdarstellung im Film. In: Kino im Kopf. Psychologie und Film seit Sigmund Freud. Berlin: Bertz + Fischer 2006, S.111<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rauschzust\u00e4nde im Film sind nicht allein auf Drogen und Alkohol zur\u00fcckzuf\u00fchren. Auch die Traumdarstellung oder induzierte Wahrnehmungsver\u00e4nderungen durch Meditation zum Beispiel kann als Rauschzustand aufgefasst werden. 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